Die Sommerschlei & der Tanz der kleinen Fische

Last Updated on 21. August 2021

Blutweiderich (Lythrum salicaria) auf unserer Orchideenwiese (Foto: Karl Walther)

„Weißt du“, sagte mein alter Biologielehrer, 20 Jahre älter als ich, „die Rehe mögen den Blutweiderich gerne abäsen. Selbst Menschen haben ihn in der Not gegessen. Er schmeckt gut. Man findet ihn nur an den Wasserläufen, wo die Rehe„affglitschen“ könnten.“ Er hatte Recht. In Amerika bei geringer Wilddichte wird er gern flächendeckend. So ist die Häufigkeit seines Pflanzenvorkommens immer multifaktoriell. Er säumt die Gräben und Auen, aber kann bei unserer Wilddichte nicht in die Fläche. Seinen Namen hat er übrigens von seiner Fähigkeit, Blutungen zu stillen und war ehedem ein probates Mittel gegen die Ruhr. Wir haben eine zauberhafte Kollektion von Blutweiderich auf unserer Orchideenwiese, die gerade von Hand gemäht wird.

Aber zu etwas anderem: dem Klimawandel, der gerade in aller Munde ist. Das Wort Klimawandel imaginiert die Beobachtung & Erforschung eines „objektiven“ & gleichzeitig überraschenden Prozesses. Als stünden wir staunend & beobachtend vor einem „Wandel“ wie einem Wetterwandel.

Dabei ist der „Klimawandel“ nichts anderes als das Gesamtergebnis unseres industriellen Handelns. Der massenhafte Ersatz von ehemaliger Muskelarbeit von Mensch und Tier durch fossile Verbrennung & Verhüttung wurde einst gefeiert, entzieht uns aber bereits nach 150 Jahren „grandioser Erfolgsgeschichte“ alle Lebensgrundlagen. Die Welt schwitzt und brennt.

Manche wollen das nicht wahr haben und fordern weiteres Wirtschaftswachstum & noch mehr Wohlstand für alle, wie etwa Robert Habeck in einem Interview mit der FAZ. Auf dem Kieler Klimakongress schlug er eine „intelligente“ Klimaanpassung vor, etwa einen Wechsel der Baumarten in den Wäldern und einen Wechsel der Feldfrüchte in der Landwirtschaft. Na dann…

Das ist m.E. viel, viel zu wenig. Es handelt sich beim „Klimawandel“, wissenschaftlich tausendfach bewiesen, um die Folge der Industrialisierung aller menschlichen Lebensprozesse. (Selbst „flirten“ verbraucht jetzt im Gegensatz zu früher Serverenergie). Ohne Strom & Öl läuft nix. Ohne Deindustrialisierung wird es nicht gehen. Dies Jahr steigt der Co2 Ausstoß wieder immens.

Während die Welt „brennt“ wünschen wir Menschen in Deutschland uns statistisch belegt zu 56 Prozent leistungsstärkere SUVs als nächsten Neuwagen und alle Kanzlerkandidaten/innen* wünschen sich verstärktes industrielles Wirtschaftswachstum & noch mehr „Wohlstand“, also weiteren Klimawandel und somit ein verschärftes Brennen der Wälder. Noch kommt das Wort „Verzicht“ im Wahlkampf & seinen Diskussionen nirgends vor. Wir leben wie „Gott in Frankreich“ in „verdientem“ Wohlstand und proklamieren das als Menschenrecht. Die gesamte Schöpfung, nennen wir sie auch Vielfalt, haben wir nicht wirklich im Blick.

Auch die Verschmutzung des Schlei ist ein Teil des „Klimawandels“. Wir deponieren seit 150 Jahren Phosphor und Stickstoff über Abwässer & Düngung in großen Mengen auf dem Schleigrund, rauben ihm damit Sauerstoff für das Leben der Unterwasserwelt. Der Sauerstoff wird eher für die Verarbeitung der menschlichen Lasten (Grünalgen) verbraucht. Wir gehen von 5 bis 7 Millionen Tonnen Faulschlamm in der Schlei aus. Das entspricht in etwa der jährlichen Menge allen anfallenden Klärschlammes in S.-H. (Quelle: Symposium des Ministeriums über die Phosphorrückgewinnung aus dem Klärschlamm). Das Problem wäre lösbar.

Das Forschungsfloß wird all diese Vorgänge auf dem Schleigrund untersuchen & messen & Vorschläge zur Sanierung im Modell „testen“ und wir beobachten im Nebenbei genau, wer das unterstützt & versteht oder uns (eher nicht verstehend) Steine in den Weg legt, damit diese Untersuchungen & Erkenntnisse ausbleiben. Fridays for future ist deshalb für mich eine erfreuliche Erscheinung. (Das ist insgesamt meine persönliche Meinung und nicht die Meinung des SIEZ® die wesentlich vielfältiger ist und das ist gut so. Ich gebrauche hier mein freies Meinungsrecht als Autor eines Artikels.)

Im Folgenden soll es um 2 Fragen gehen: wie sind die Sichttiefen & die Sauerstoffverhältnisse, die Nährstoffverhältnisse & Temperaturen an ausgewählten Schleigründen im Sommer 2021 & stimmen diese mit den langfristigen Untersuchungen des Landesamtes überein und wie verhält es sich mit der der Kolmation, die in der Schlei noch kaum erforscht wird. Kolmation bezeichnet in der Hydrogeologie jenen „Kommunikationsprozess“ von Wasserkörpern über geologische Barrieren hinweg.  So ist es auch eine Frage der Kolmation, was die Schlammbedeckung der Schleigründe für Auswirkungen auf das Grundwasser unterhalb der Schleifurt hat.

Aufgetriebene Blaualgen im kleinen Stexwiger Hafen im August 202 (Foto: Karl Walther)

In diesem Fall also der oberflächennahen Grundwasserkörper mit dem Wasserkörper der Schleifurt. Mindert sich (sozusagen als Marker) der Chloridgehalt des Brackwassers im Grundwasser?

Salzgehalt des „Grundwassers“ in 2,50 Tiefe auf Kieholm 1,045 (Foto: Karl Walther)

Ein Sohn des Inselpächters von Kieholm, selbst schon über 70 Jahre alt & Boxtrainer, erzählte mir, dass man auf Kieholm kein Trinkwasser für die Tiere hatte. Ähnliches hörte ich vom Altbauernstammtisch Ulsnis über die untergegangene Inselgruppe Klein/Groß Lindholm und Aalbek vor Stubbe.

So wurde auf der Liebesinsel von „irgendwem“ ein Brunnen gebohrt. Man kann die Schichtungen am Bohrgut erkennen: nach 80 cm Braunerde wird es lehmig (Ein Drumlin) mit roten Eisenoxideinfärbungen. Darunter dann folgt ein sandiges Schlickgemisch. Bei 2,50m Tiefe läuft Wasser in die Bohrung, das brackig schmeckt. Der Salzgehalt des „freien“ Schleiwassers um Kieholm herum ist etwas salziger. Es liegt nach langen Messreihen des Landesamtes auf Höhe Lindholm bei 1,08 bis 1,09 und selbst in der Großen Breite immer über 1,065.(Quelle: Ergebnisse langjähriger Wasseruntersuchungen in der Schlei vom Landesamt).

Sand und Sandschlickmassen des Kieholmfußes verringern den Salzgehalt des Schleiwassers. Dazu kommt die eigene Grundwasserneubildung der kleinen Landmasse (Niederschlag minus Verdunstung und Verbrauch). Eindeutig stehen das Grundwasser Kieholm & das Schleiwasser miteinander in „Kontakt“. Die Bauern haben Recht: solches Wasser kann man den Tieren nicht anbieten.

Spezifisches Gewicht des Kieholm umgebenden Schleiwassers fast 1,07

Die Bäume auf Kieholm und insgesamt die Bäume in unmittelbarer Schleinähe haben also begrenzte Wurzelräume, wenn sie nicht salztolerant sind. Wir werden  auf meiner Salzwiese kleine Brunnen bohren und die Abnahme des Salzgehaltes in zunehmender Entfernung & Geländeanstieg von der Schlei messen.

Die Sichttiefen lagen am 12. August bei Tonne 62 (Große Breite) bei 1 Meter und übertreffen damit den Durchschnitt der Sichttiefen der langjährigen Untersuchungen. Bei Tonne 59 (Höhe Königsburg) sind es 1,10m! Die Schlei wird sichtiger!

Die Temperaturen bei Tonne 62 Oberfläche 20,2 °C und in 3 Meter Tiefe 20,6 °C. In beiden Tiefen lag die Sauerstoffsättigung bei 80 Prozent (7,1 mg) Bei Tonne 59 hatten wir in 3 Meter Tiefe 22,2 °C und 6,82 mg Sauerstoff. Im Oberflächenwasser waren es 8,35 mg Sauerstoff bei einer Temperatur von 20,6 °C = 92 % Sättigung.

Am avisierten Standort des Forschungsfloßes bei 2 Meter Tiefe hatten wir am Grund 19,8 °C und 5,01 mg Sauerstoff (Sättigung 54%) Gemessen mit dem Dänischen Oxiguard, frisch kalibriert.

Wir können die Werte mit denen des Landesamtes nicht genau vergleichen, weil wir nicht wissen, in welcher Tiefe man dort misst. Aber die gefundenen Werte liegen durchaus in deren Variationsbreite.

Nächtliche Aufnahme einer der zahlreichen Rippenquallen? (Foto: Karl Walther)

Überall in den Häfen findet man im August aufgetriebene Blaualgenplacken und die Fischer beschweren sich über ein Massenvorkommen von Quallen, die das Fischen erschweren. So machte ich ein nächtliches Foto vom Wasser in Missunde. Eine der drei beobachteten Quallenarten soll sogar des Nachts leuchten wie die Noctiluca. Diese fand ich nicht. (Wohl aber ein Freund in Haddeby.)

Es trieben große Mengen Quallen mit dem eingehenden Strom ein. Das starke Scheinwerferlicht lockte hunderte Fische bis zur Fingergröße an. Die Bildqualität ist allerdings miserabel.

Ein Tanz der kleinen Fische

Wie sieht es mit den Nitrat- und Phosphatwerten im Massenwasser in 2 Meter Tiefe bei der Königsburg aus? Außerdem ließen wir die hygienische Qualität (Colibakterien) des Badewassers am Bohnerter Badestrand und im Massenwassers in 2 Meter Tiefe vor der Königsburg  bei Agrolab messen. Hier die Ergebnisse: Das Massenwasser der Schlei ist praktisch nitratfrei  (unter 0,09mg/l) und von den Grünalgen vollkommen verbraucht. Auch das erklärt die guten Sichttiefen.

Der Gehalt an Phosphor beträgt 0,6mg/l und ist damit doppelt so hoch wie im Schnitt der letzten Jahre. Ich wage die Vermutung, dass es zu erheblichen Rücklösungen auf dem Grund der Schlei kam.  Nur das Forschungsfloß kann diesen Sachverhalt klären helfen. M.E. hätte ein heißer August zu einer erheblichen Blaualgenblüte geführt. So sind wir dran vorbei „geschrubbt.“

Die hygienische Qualität des Schleimassenwassers ist einwandfrei  und frei von Colibakterien und Enterokokken (Darmbakterien von Warmblütern & Enten)

Am Bohnerter Badestrand finden wir 160 Enterokokken/100ml Oberflächenwasser, gemessen in Hüfttiefe. Das ist immer noch eine vernünftige Badewasserqualität. Das Fehlen von Colibakterien hier an der Königsburg bringt die Badestelle in die Kategorie „ausgezeichnet“. Gleichzeitig darf man das Wasser nicht trinken. Das setzte das Fehlen aller Enterokokken voraus.    

                                                        Ein absolut erfreuliches Ergebnis!!!

Der Rohbau des Forschungsfloßes ist so gut wie abgeschlossen. Wir beginnen jetzt mit der Montage der Tragbalken für den Gehbelag. Gleichzeitig erfahren wir über das WSA Lübeck, dass Minister Albrecht (GRÜNE) aus „Naturschutzgründen“ das Forschungsfloß verbieten wird. So ernst nehmen die GRÜNEN in Wirklichkeit den Kampf gegen den Klimawandel und so worttreu sind sie gegenüber dem Koalitionsvertrag. Die SPD wird zu diesem unglaublichen Vorgang eine kleine Anfrage im Landtag beantragen. Zuerst wollte Dr. Trepel, Abteilungsleiter des MELUND uns noch mit 8 Tausend Euro fördern. Dann war wohl irgend eine andere Überlegung lukrativer. Liebt „Kiel“ die Schlei nur am Rande des Abgrunds? Schaun wir mal, auch das SIEZ® hat „Freunde“.

Weiterhin sind wir auf Spenden & Mithilfe angewiesen. Eine „Seabin“*) z.B. würde uns ermöglichen, das Treibsel auf der Schlei abzufischen und genauestens mittels einer Masterarbeit zu untersuchen. Die Schlei versorgt die Strände mit Treibsel. Gern liegt es als kompostierender Streifen am Ufer. Dieser Streifen ist auch eine Saatenbank (neben einer Bank für Schleswiger Plastik, das auch immer noch anlandet.)

*) Eine „Seabin“ ist ein Eimersystem, das sich hydraulisch absenkt & hebt und damit im Umkreis von 100 m2 das Oberflächenwasser anzieht und  abfiltert. Es wurde entwickelt, kleine Hafenflächen müllfrei zu halten. Interessant ist allerdings der „Beifang“ an Saaten, Laich und „anderem Schwimmsel“. Solch eine Seabin  am Forschungsfloß kostet gute 3 Tausend Euro. Es wäre für Förderer der Schlei und zum Aufbau eines Brackwasserinstituts die perfekte Spende.

Das Forschungsfloß im Rohbau, im Hintergrund Kieholm

Soviel zur  Sommerschlei. Wir sind guten Mutes.  Bauen das Floß zu Ende. In Kürze erscheint auf unserer Homepage ein Bericht der „Warnemünder“ (OIW) zur Mikroplastikbelastung im Heringslaich.

                        Nehmen Sie gegebenenfalls Kontakt mit mir auf, karl-walther@gmx.de               

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