Nah am Puls

Last Updated on 22. Juli 2023

„Glänzendes Wasser, dass sich in Bächen und Flüssen bewegt, ist nicht nur Wasser, sondern das Blut unserer Vorfahren. Die Erde ist unsere Mutter, was die Erde befällt, befällt auch die Kinder der Erde…“ 

(aus der Rede von Chief Seattle, Häuptling der Duwamish vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahre 1855 zum Verkauf der Heimat seines Stammes, nun der Staat Washington)

Das SIEZ® (Schleiinformations & Erlebniszentrum) sammelt Informationen über die Schlei und unser Leben an der Schlei und beobachtet sorgsam die Veränderungen der Wasserqualität. Im letzten Sommerjahr 2022 war die Blaualgenblüte immens. Ich will versuchen, hier die wesentlichen Fragen zu skizzieren, die sich dem SIEZ® dazu stellen.

Unbestritten haben wir die Schlei seit über 150 Jahren als Abwasservorflut „genutzt“ und tun das weiterhin. Schleswigs erstes Klärwerk ist ein Bauwerk der 60iger Jahre. Eine Nachklärung der Sickergruben Schwansens datiert auf die Jahrtausendwende. Über Auen und diffuse Einträge gelangen weiterhin große Mengen von Nährstoffen in den Fjord. Unbestritten hat sich eine Faulschlammschicht gebildet. Diese ist in ihrer Ausdehnung und Mächtigkeit inzwischen gut bekannt und sie nimmt nach Ministeriumsberichten zwischen 2 und 4 mm jährlichzu. Unbestritten ist die Schlei hoch belastet. Unbestritten um ein Mehrfaches der in den WRRL (Europäische Wasserrahmenrichtlinien) zumutbaren Werte.

Das fast fertige Forschungsfloß des SIEZ® kurz vor seinem Einsatz, Sommersonnenwende 2023 – © Merle Wittchow

Unsere Messungen des Massenwassers der Schlei und ihrer Auen legen drei Trends nahe:

1. Die Temperaturen des Wasserkörpers an der Oberfläche wie auch in der Schleisohle steigen. In die Faulschlammzone enthält also zunehmend mehr Energie in Form von Wärme. Ähnlich geht es den begradigten, langsam fließenden Auen. (Auch hier gibt es Moddergrund & Erwärmung)

2. Der Phosphatgehalt des Schleiwassers & der Auen steigt. Durch Rücklösung? Das begünstigt nicht nur Grünalgenblüten, sondern auch das Wachstum der Cyanobakterien (Blaualgen). Diese kommen ohne das im Wasser gelöste Nitrat aus, sie nutzen den in der Luft gespeicherten Stickstoff und lagern ihn nach der Sedimentation ins Schleisystem ein.

3. Die im „Klimawandel“ vermehrt in der Schlei anlangende Energie bedeutet so eine Vergrößerung der Nährstoffeinlagerung mit teilweiser vergrößerter Rücklösung in den Wasserkörper. (Lesen Sie dazu die brillanten Artikel von Dr. Duggen auf dieser Homepage, in elder posts)

Über Winter reichert sich der Nitratgehalt des Schleimassenwassers über die Vorflut an. Es reichert sich an, weil es ohne Wärme noch nicht verbraucht wird. Die Sichttiefe des Wassers liegt dann bei bis zu zwei Metern Tiefe. Unsere Vorfahren haben Aale  auf dem Schleigrund mit Aalharken gestochen, diese Harken hatten bis zu 5 Meter lange Stecken. So klar war das Wasser früher.

Mit der Wärmeenergie des Frühjahrs nimmt die Sichttiefe ab. Die Grünalgenblüte absorbiert jetzt das Licht und verbraucht z.B. das Nitrat. Im Sommer ist das Schleiwasser fast nitratfrei. Dafür aber voll von Algen und Bakterien, eine undurchsichtige Suppe. Die absterbenden Grünalgen sinken auf den Schleigrund und verbrauchen bei ihrer Zersetzung Sauerstoff. Der Schleigrund wird „atemlos“. Faulschlamm entsteht. Jetzt ist im Schleiwasser zunehmend Platz für eine Massenvermehrung der „Blaualgen“ (Cyanobakterien).

Diese brauchen Wärme & Phosphor zu ihrer Massenvermehrung. Beides ist überreichlich vorhanden. Nitrat brauchen sie nicht. Sie nutzen den Luftstickstoff (N²). Wir beobachteten Blaualgen im Schleischilf bis in den November hinein. Sie vergehen dann auf dem Schleigrund mit Bildung zusätzlichen Faulschlamms. Durch die Stickstofffracht der Auen und diffusen Einträge wird gleichzeitig weiterhin aber auch die Grünalgenblüte gefördert. Beide Vorgänge bestehen nebeneinander. Wir finden beide unter dem Mikroskop. Das Ökosystem Schlei kann sich dann unter Umständen (Winddurchmischung /Strömung) in Richtung auf kritische Kippunkte zu bewegen, auf die Sauerstofffreiheit einiger Schleigründe und Fischsterben.

Diese Trends (zahlreiche sporadische Proben lassen auf sie schließen) im Zusammenhang mit Temperaturen, Strömungen, Salzgehalten usw. objektiv zu untersuchen wird das Projekt des FF jetzt für die nächsten Jahre sein. Wir werden das mit Hilfe von Datenloggern (Sonden die ständig Sichttiefe und Temperaturen messen) machen und mit Wasserproben, die wir von AGROLAB Kiel untersuchen lassen. Wir werden die Wasserproben auch ständig mikroskopieren.

Weiterhin werden wir mit Glocken (=Glasglocken im Schleigrund) experimenten und untersuchen, ob und wie viel Phosphat der Schleigrund (pro Schleifläche pro Zeiteinheit pro Faulschlammtiefe pro Temperatur) ins Massenwasser abgibt.

Wir werden dann anhand langer Messungen über große Datenmengen verfügen. Diese können  helfen, die angenommenen Trends zu kommentieren.  Wir beginnen in einer weiteren Phase dann mit Experimenten und Messungen im Zusammenhang mit der möglichen „Behandlung“ des Faulschlamms. Das FF hat eine Solaranlage und wir werden auf einer bestimmten Fläche Luft in den Schlamm einbringen. Prof. Dr. Heydemann (Umweltminister von 88-93) hat uns das vorgemacht. Leider sind seine Sauerstoffflöße und seine gewonnenen Daten verschrottet worden, bzw nicht mehr vorhanden. Was geschieht jetzt? Baut sich der Schlamm ab? Was wird? Welche „Nebenwirkungen“ sind die Folge? Erhöhen sich die Nährstoffwerte am Rande in der Wasserlösung? Verändert sich die Sichtigkeit? Wir erstellen Daten zu Wirkung und Nebenwirkung. Wir werden am Ende versuchen, sie zu werten.

Was geschieht, wenn wir den Schlamm mittels einer Schlammpumpe absaugen. Was wirbeln wir auf? Wie sind da Wirkung und Nebenwirkung? Wiederum sammeln wir Daten.

Was geschieht beim Baggern mittels eines kleinen Modellbaggers, der in einem Arbeitsgang etwa 14 l Faulschlamm baggert. Wie trübt das Baggern die Umgebung, welche Nährstoffwerte verändern sich wie. Wirkung und Nebenwirkung. Das SIEZ® sammelt Daten dazu. Die großen Klärwerke müssen ihren Klärschlamm thermisch verwerten. Jährlich fallen Mengen an, die dem Faulschlammgehalt der Schlei ähneln. Kann man den sandigen Schleischlamm zufügen? Auch diese Frage werden wir im Kontakt zu Land untersuchen.

Was geschieht, wenn wir den Faulschlamm mit dem Schleisediment darunter „besanden“. Wir dauerhaft ist diese „Beschichtung“ des Schleigrundes? Siedeln sich sofort Muscheln an? Wir haben in Faulschlammkernen solche millimeterdicken Sedimente mit winzigen Muscheln gefunden. Auch Fischer Nanz berichtet davon. Wirkung und Nebenwirkung. Wieder sammeln wir Daten.

Ich bin sehr gespannt auf diese Forschungsphase des SIEZ®, hoffe darauf, dass man uns dann auch wirklich forschen läßt. Und nicht  Gründe erfindet, das zu verbieten, letztlich, damit es diese Daten nicht gibt. Wir bieten bei Unterstützung die Teilung der Daten an. Ich erhoffe mir Duldung und sogar finanzielle Unterstützung. Es ist ein Wunder, dass unser kleiner Verein so weit gekommen ist. Das fertige FF stellt eine Investition von 40 Tsd € dar und wurde durch den Verein und Sponsoren ohne einen Cent staatliche Unterstützung finanziert. Es war ein gewaltiger Einsatz. Wir werden jetzt ein Stück Schleigrund unter ständiger Beobachtung haben können. Da das Floß ortsgetreu genau auf ca. 3 Meter Tiefe verankert wird, können wir mittels einer Rettungsleiter hinuntersteigen und Fotos machen, wir haben mittels einer Kamera eine ständige Verbindung nach „unten“.

Über diesen Finger am Puls unserer geliebten und identitätsstiftenden Schlei freue ich mich unbändig.

Wir sind bereit, nach Absprache Führungen in Zusammenarbeit mit Naturpark und OFS auf unser Forschungsfloß zu planen und mit dem Vereinsboot des SIEZ®, der „Hohner Fähre“, durchzuführen. Die Wasserqualität der Schlei berührt den Tourismus immens. Der Tourismus wird in Zukunft mit einer im Klimawandel leidenden Schlei leben müssen.

Karl Walther, Vormann des SIEZ® im Juli 2023

Die Schönheit der notleidenden Schlei ist unvergleichlich – Foto: Robert Keil

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