Messgerät und Schöpfer beim nächtlichen Einsatz – Strömungen in der Schlei

Seit Dezember 2019 messe ich Strömungen in der Schlei. Zum Einsatz kommt ein Flügelmessgerät der Firma Hydrobios.

Die Messergebnisse werden notiert. So ergibt sich zum Beispiel folgende Notiz: 

  • Dienstag, 14. Januar 2020 11:54,  Tonne 50:
  • Sichttiefe 1,40 m, 
  • Sauerstoff an der Oberfläche 13,6 mg bei 7,6 °C,
  • Wind 5,3 m/s aus West, 
  • Wasserströmung stehend in allen Tiefen.
Flügelmessgerät der Firma Hydrobios

Der Fischer Mathias Nanz hatte mich darauf hingewiesen, dass im Ausgang des Missunder Noores auf dem Faulschlamm zahlreiche kleine Herzmuscheln zum Vorschein kommen. Ich war dann mehrmals dort, stach Sedimente und maß die Strömung. Bei einlaufendem Strom „stoppt“ der häufige Westwind  im Noor (an Kraft zunehmend) hier den Einlaufstrom und es kommt zu Erliegen der Strömung, so dass hier „dickes Wasser“ (Mundart für Sedimente im Strom) den Sand verliert. So kann der Faulschlamm hier besanden und sofort folgen die Muscheln.

Auch unter der Lindaunisbrücke machte ich zahlreiche Messungen. Hier fiel mir auf, dass bei auslaufendem geringem Strom (0,2 m/s) die Strömung vor der Verengung zum Erliegen kommt. Das erstaunte mich sehr, erwartete ich doch einen Bernoullieffekt. Aber die Verengung scheint einen Rückstau zu bilden und der Bernoullieffekt scheint eine Mindestkraft zu benötigen. Für den Strom ist die Verengung „fast“ das Ende des Gewässers und staut zurück. Querhindernisse sind ein beachtlicher Eingriff in die Natur! Das kontrollierte ich auch für die „auswärtige“ Seite von Lindaunis. Auch hier verlangsamt sich eine Strömung von 0,25 m/s auf bis zu unter 0,1 m/s.

Am 27. März 2020 hatte ich Gelegenheit, in Lindaunis eine Hochwasserwelle zu erleben. Wir haben im SIEZ® absolut fähige Wissenschaftler, Meeresforscher, Physiker, Biologen etc.. Ich selber bin eher ein Allrounder, (Hans Dampf in allen Gassen). So werde ich im Folgenden die Messungen der Welle nur kurz skizzieren, so dass, wer will, sie interpretieren kann. Als Auswertung von meiner Seite folgt lediglich am Ende ein „Sack voller weiterer Fragen“.

Anmerken möchte ich, dass die Sturmnacht ein großes Erlebnis war: über mir donnerte der Zug über die Brücke und unten rauschte die Strömung mit bis zu 2 Meilen. Vielen Dank an den Brückenwärter und die „BÜP‘s“ (Brückenüberwachungsinspektoren) für die Gespräche, den heißen Tee und die Fachsimpeleien an der Brücke, die gerade für den Autoverkehr gesperrt war.

Ruhe nach dem Sturm, ablaufendes Wasser, in der Nacht 1,50 Welle und Hochwasser

27 März 2020, 19:50: 

  • Pegel Schleswig: 5,06 m steigend, am Tag davor knapp unter NN, um 12 Uhr NN passiert, 
  • Lufttemperatur 9,8 °C, 
  • Wassertemperatur 6 °C, 
  • Luftdruck 1030 bar, 
  • Strömung einwärts mit 0,12 bis 0,18 m/s, 
  • Wind Nord böig, auf der Brücke gemessen mit Handwindmesser am gehobenen Arm ⱷ 3m/s

27 März 2020, 22:50: 

  • Barometer 5 Strich gefallen, 
  • Pegel Schleswig: 5,11 m 
  • Lufttemperatur 7,6 °C,
  • Wassertemperatur 4 °C, 
  • spez. Gewicht gemessen mit geeichter Spindel, aber nicht temperaturkorrigiert 1,08 , 
  • Wind böig, 3,2 bis 5,4 m/s, 
  • Strömung 0,155 bis 0,24 m/s

Sonntag 29. März 2020, 1:30:

  • Lufttemperatur 5 °C, 
  • Böen bis 10,2 m/s, 
  • Pegel 5,17 m, 
  • Strömung 0,160 m/s bis 2,40 m/s einlaufend, 
  • der Wind sehr sandig und das Probenwasser „dick“, Dichte 1,08

Sonntag 29. März 2020, 6:00 (Sommerzeit):

  • Barometer steht auf 1020 bar und will beim Klopfen schon wieder steigen, 
  • Lufttemperatur 1 °C bei Schnee im Sturmwind, 
  • Böen bis 13,4 m/s,
  • Wasser steigt jetzt stark und „schießt“ unter der Brücke hindurch. Es ist „in de Blink“ und laut von Wind und Welle. Strömung 0,339 m/s jeweils gemessen in 50 cm Tiefe.
  • Wasser voller Sediment unsichtig und von 1,09 Dichte bei 3,5 °C (jeweils unkorrigiert),
  • Pegel Schleswig: 5,32 m,  Schleimünde: 5,53 m, steil

Sonntag 29. März 2020, 9:00:

  • Böen 16,1 m/s max. bei 
  • Lufttemperatur von 1 °C, 
  • Wassertemperatur 3,5 °C, 
  • Salz 1,1 mg/l,
  • Pegel 5,50 m, 
  • Strömung unter der Brücke 1 m/s, hohe Welle brechend, Wellenhöhe geschätzt 1 Meter

Sonntag 29. März 2020, 12:00:

  • Böen bis 12m/s, 
  • Lufttemperatur 4 °C, 
  • Strömung 1 m/s, 
  • Wassertemperatur 3,5 °C, 
  • Pegel 5,68 m, 
  • Salzgehalt 1,105 mg/l unkorrigiert

Sonntag 29. März 2020, 14:00: 

  • Böen 12 m/s nachlassend auf 8 bis 18 m/s, 
  • Strömung mit nassem Holz oberhalb der Brücke gemessen:  2 m/s, da Platz unter der Brücke zu rauschend und gefährlich (ein falscher Schritt und ich spüle in Kieholm an),
  • Lufttemperatur steigend auf 5 °C, 
  • Wasserdichte 1,12 (ich fahre nach Weidefeldstrand und Eckernförde, dort die gleichen Werte, d.h. jetzt haben wir reines Ostseewasser, auch sensorisch, unter Lindausnisbrücke. 
  • Pegel in Schleswig erreicht 15.15 m, Höchststand mit 6.26 m, Hochwasser auf der Schlei
Überflutete Salzwiesen und Schleiweg gegenüber Ulsnis

Sonntag 29. März 2020,  19:00:

  • Böen 4 m/s 
  • Wasser sehr hoch: 6,08 m
  • Strömung 0,25 weiterhin einwärts, 
  • Schöpfwasser klar aber salzig mit 1,12 unkorrigert = Ostseewasser 
  • Lufttemperatur 6,8 °C,
  • Wassertemperatur 4 °C, 
  • die Schlei beruhigt sich

Sonntag 29. März 2020, 23:00:

  • Lufttemperatur 0 °C,
  • Wind von Nord auf Ost mit 1 m/s fast windstill, 
  • jetzt stark rückfließendes Wasser mit 1 m/s, Salzgehalt zurückgehend mit 1,11 mg/l gegenüber Eckernförde jetzt: 1,13 m/s Rückstrom, breit und mächtig aber ohne Welle,
  • Pegel in Eckernförde: 5,24 m; Kappeln: 5,06 m; Schleswig: 5,93 m; Schleimünde: 5,24 m

Montag 30. März 2020, Morgendämmerung

  • Lufttemperatur 2,5 °C, 
  • Wind rückdrehend NW,
  • Strömung 4,1m/s, stark auslaufend mit 3 °C und 0,771 m/s, 
  • Salzgehalt 1,09 mg/l,
  • Pegel Schleswig: 5,52 m, Schleimende: 4,60 m, Kappeln: 5,05 m

Montag 30. März 2020, 11:00 Abschlussprobe: 

  • Wind auf Nord mit 3,1 m/s 
  • Lufttemperatur 5,5 °C, aber wechselnde Luftböenwärme mit scheinbar anderen Luftmassen bis 11.1 °C (ist das ein vorgezogener Aprilscherz?) 
  • Strömungsgeschwindigkeiten Oberwasser 0,58 m/s im Tiefenwasser über dem Schleigrund 0,23 m/s  Salzgehalt des Wassers 0,08 mg/l unkorrigiert

Meine Beobachtung: bei Sturm schießt Salzwasser aus der Ostsee in die Schlei und dieser Strom erobert jedenfalls in der Schleimitte die Situation. Was dieses kalte, sauerstoffreiche Ostseewasser mit dem bereits wärmeren Brackwasser macht, sollte erörtert werden.  Ich jedenfalls hatte das Gefühl, dass das schwerere Ostseewasser entweder vorherrscht oder das brackigere, leichtere Wasser „überrollt“, was physikalisch schwer zu erklären wäre. Jedenfalls mischt es sich nur langsam. In einer weiteren Messreihe und vergleichbarer Situation würde ich mit der „Hohner Fähre“ zwischen Stubbe und dem Noor eine Quermessung machen und zahlreiche Dichtebestimmungen vornehmen. Inwieweit erlangt der Salzwasserzustrom und die Strömung die gesamte Schlei?

Außerdem ist solch eine Flutwelle unter einer Eisenbahnbrücke ein großes Erlebnis und erinnert stark an Fontanes Gedicht: die Brücke am Tay. Regierung und Deutsche Bahn messen in Lindaunis keine Strömungen. Das SIEZ® aber macht das und ich werde nach dem Bau der neuen Brücke auch Lotungen an der Brücke durchführen. Jeder von uns kennt die Macht der Strömungspumpen und den Bernoulli Effekt. Im Januar 2018 beobachtete ich die Strömung an gleicher Stelle, die sicherlich stärker als drei Meilen war. Was bedeutet das für diese Schleistelle?

Als Abschluss erfolgt noch ein Diagramm über die Zeitverschiebung und Höhen der Pegel dieser „Welle“, die ja die Schlei „durchläuft“. Ich bin dankbar über Beobachtungen und Kommentare unserer Wissenschaftler zu diesen Messungen und Beobachtungen. Ein kleiner Film über diese „Welle“ wird demnächst unter Medien eingestellt. Die Schlei braucht dringend ein Brackwasserinstitut. Das SIEZ® hat genug Neugier, sie „verstehen“ zu wollen.

Pegelstände an Schlei und Ostsee vom 29.03.2020 bis zum 31.03.2020

Mit freundlichen Grüßen 

Karl Walther
Vorsitzender SIEZ®