Ein Kommentar zur Situation der Schleianrainer nach dem Schleiforum

von Karl Walther, 1. Vorsitzender des Schleiinfozentrum e.V.

Die Zeit der Schockstarre an der Schlei geht zu Ende. Die „Feuerwehreinsätze“ der Stadtwerke auch. Erste Vorschläge zur Zukunft der Schlei tauchen auf, von einem integrierten Schleiprogramm wird gemunkelt.

 

Prof. Dr. Frank Wendtland vom Forschungszentrum Jülich geht davon aus, daß wir in der Schleiregion einen Minderungsbedarf von mindestens 42 kg pro Hektar Stickstoff haben.(Ergebnisse der Stickstoffmodellierung, regional differenzierte Quantifizierung der N-Einträge ins Grundwasser und in die Oberflächengewässer S.-H.) Dr. Michael Trepel rechnet mit einem noch höheren Minderungsbedarf von umgerechnet bis zu 55 kg. Minister Habeck rechnet mit einer Neubildungsrate Faulschlamm von mind. 2 Millimetern im Jahr. Es wird eher mehr sein. Plastikschnipsel schwimmen bei „schwerem“ Wasser (Ostenwind) vom Grund der Schlei auf und treiben dann ans Ufer. Wir haben am Morgen des Schleiforums viele Schnipsel im angetriebenen Kammlaichkraut der Meßstelle 8 gefunden und auf dem Forum wirklichkeitsnah präsentiert. Das SIEZ sucht mit einer Unterwasserkamera nach Plastikschnipseln auf dem Grund der Schlei. Sind das mehr als 1oo Tonnen? Zu hoffen, daß die Probleme des Nährstoffeintrags und ihre Folgen sich in genügender Zeit in Luft auflösen, ist ein kindlicher Wunsch.

 

Man müße jetzt viel Geld in die Hand nehmen, um die Probleme der Schlei wirklich zu lösen, sagen einige. Dem stimmen wir zu. Man muß das Geld für ein SIEZ ausgeben.

 

88 % der Einträge entstehen aus diffusen Quellen und nur 12 % landen aus Punktquellen wie Klärwerken in die Wassersysteme der Schlei. 80 Prozent der Einträge stammen aus der Landwirtschaft. Verfolgen wir die Sache weiter: 62 % der Einträge, gesamt 20.000 Tonnen Stickstoff, werden über die Drainagen in die Gewässer getragen, 7400 Tonnen geraten ins Grundwasser, aber 80 % davon bauen sich glücklicherweise im Aquifer langsam ab. Der verbleibende Rest ist aber laut Ministerium immer noch zu hoch für gutes Trinkwasser.

 

Herr Wittl von der UNB Rendsburg hat „viel Geld“ in die Hand genommen. Mit rund einer Million € hat die UNB zwei Paradiese geschaffen, die in einer Nebenfunktion Stickstoff zurückhalten, Retentionsflächen. Er entzieht mit dieser Million dem Ökosystem die Nährstoffe von 5 Güllewagenladungen. Auf diese Weise die Nährstofffracht S.-H. zu „eliminieren“ kostet zwischen 100 und 200 Milliarden Euro. Das ist gesellschaftlich absurd, weil die Nettowertschöpfung durch Überdüngung vielfach geringer ist.

 

Aber Geld für ein unabhängiges Schleiforschungs und Informationszentrum auszugeben, das wäre hoch nützlich und zielführend.  Das SIEZ ermittelt grad in seinem Betreuungsgebiet die Nährstofffracht jeden kleinen Drainrohrs in die Schlei und berechnet daraus die Gesamtfracht für das betreute Teilstück „Südliche Schlei bis Arnis“ anhand von validen Messungen mittels Photometeranalyse. Das ist viel Arbeit aber auch hoch spannend. Niemand unterstützt bisher diese Labor- und Feldarbeit des SIEZ. LLUR & MELUND haben großes Interesse an den Daten angemeldet, wollen aber keinen Cent dafür zahlen. Unsere Anträge wurden beim Ministerium und beim Landesamt abgelehnt. Von der knappen Million für Schutzgebietsbetreuungen erhält das SIEZ mit seinem großen Schleigebiet keinen Cent. Würden wir Hundekot einsammeln und Hundehalter verwarnen, würde es viel Geld aus dem Topf geben. Ist doch zum Lachen, aber hindert uns nicht.

 

Das OIW (Ostseeinstitut Warnemünde, Prof.Dr. Labrenz) hat der Schlei geholfen. Im Rahmen einer Dissertation wurden im Mai 2 Tage lang mit einem Forschungsboot des Instituts Sedimentproben entlang der gesamten Schlei genommen & auf Plastikgehalte mit modernster Analytik untersucht, auch Muscheln, Plankton, Fische werden auf ihren Plastikgehalt im Gewebe untersucht.

Vielen Dank nach Warnemünde an Robin Lenz Kristina Enders und Mathias Labrenz und ihre Crew. Ich habe die „Warnemünder“ ortskundig beraten und z.T. beherbergt. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Vielen Dank an Herrn Schoofs, der im nächsten Jahr eine neue Probe bezahlen will.

 

Was also ist zu tun?

 

Meiner Meinung nach sollte jeder sich zum Ziel setzen, seinen Verbrauch an Plastik und Tierprodukten drastisch zu vermindern. „Die Hälfte reicht“ wäre ein guter Slogan unserer übergewichtigen Zeit. Das wäre der langfristig wirksamste Background. „Die Hälfte reicht“!

Die Nachfrage muß sinken. Unsere Gewässer verdrecken durch die technisch vorsintflutliche Ausbringung von tierischen Fäkalien. Das Verhältnis menschlicher und tierischer Fäkalien schätze ich auf 1 zu 1. Die eine 1 landet unbearbeitet auf den Böden, ein Teil davon geht bei entsprechendem Wetter sofort in die Schlei. Eine geschicktere Ausbringung ist ein durch die DüV vorgeschriebener erster Schritt. Aber das ist und bleibt vorsintflutlich.

 

Überall wird jetzt zur Gülletechnologie geforscht. Auch das SIEZ ist mitten in einem Versuch zur Herstellung von Kompost aus Gülle und macht einen Düngeversuch mit Unterflurmessungen bei verschiedenen Gülleverarbeitungsvarianten (Güllepellets, eingedickte Gülle, Güllekompost). Das ist keine Spielerei. Es befördert eine Technologie an deren Ende die vorsintflutliche Ausbringung der Gülle verboten wird. Wir bringen menschliche Fäkalien auch nicht mehr auf den Feldern pur aus, wir haben dafür Klärwerke. Ein unabhängiges „SIEZ“ könnte diese Forschungen leisten und begleiten. Ein Schleidorf mit einem SIEZ könnte sich im Moment an die Spitze Europas stellen. Im Moment leisten viele kleine regionale Unternehmen und das SIEZ diese Arbeit vollkommen ohne gesellschaftliche Unterstützung und finanzieren Forschungen privat.

 

Das SIEZ nimmt am Phosphordialog des Landes teil und drängt in die Arbeitsgruppe der Klärwerkschefs. Das SIEZ will, daß von Anfang an die thermische Verwertung der Klärschlämme, ein EU Milliardenprogramm, mit dem Faulschlamm zusammengedacht wird. Unseren Dreck aus den Jahrhunderten der Industrialisierung zusammen mit dem frischen Dreck beseitigen. Noch hält man uns auf Abstand. Aber der Staatssekretär hört uns bereits an. Wir sind mit ihm in Kontakt. Itzehoe hat bereits eine Pilotanlage zur experimentellen Phosphorrückgewinnung in thermischer Verwertung des Klärschlamms. Meine junge Frau hat ein Auto mit Hängerkupplung und ich kenne den Weg nach Itzehoe, ich finde mit einer Ladung Faulschlamm dort hin. Alles auf private Kosten. Sagte da nicht jemand, man müsse viel Geld in die Hand nehmen? Wer nimmt es denn in die Hand?

 

Die richtige Strategie zur Lösung der Schleiprobleme ist Nachdenken, messen, forschen, ausprobieren, vernetzen, Informationen verarbeiten und integriert handeln. Dazu braucht man ein unabhängiges Zentrum, das nicht von Politik oder Tourismus „gekapert“ wird. Das SIEZ ist gegen Aktionismus. Selbst der Aufbau eines Schleizentrums muß gut überlegt sein. Knappes Geld muß sinnvoll ausgegeben werden.

 

Man kann in den Wasserverbänden, im Kreis, in der Praxis, überall viele wertvolle Schritte unternehmen. Uferrandstreifen herstellen, die Auen in einen guten Zustand versetzen usw. Aber insgesamt darf weniger Nährstoff in die Schlei & in die Welt. Darauf muß sich die Landwirtschaft & die Gesellschaft einstellen. Die Biobetriebe leisten da heldenhafte Arbeit. Und was an Nährstoffen bereits drin ist, muß intelligent wieder raus. Daran und an der WRRL & der Meeresschutzstrategie ist jeder vorgeschlagene Schritt in seiner Effizienz zu messen.

 

Und noch einmal: Wir brauchen Innovation & Kreativität & wissenschaftliche Untersuchungen. Wir brauchen ein Zentrum. Ganz im Nebenbei entsteht im SIEZ auch eine Dokumentation über die wunderbare blaue Dampferlinie, ein Büchlein über den Untergang Kieholms und eine Schleiforschung für Kids. Wir bauen ein lebendiges, kleines Zentrum bereits jetzt auf.

Karl Walther Vorsitzender des SIEZ

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