Anmerkungen des Vereinsvorsitzenden des SIEZ zum Durchbruch der Schleinehrung

Der Topographische Atlas von Schleswig-Holstein des Landesvermessungsamtes (4.te Auflage von 1979) schreibt auf Seite 34 : „Unsere Karte (der Schleimündung) gibt uns das eindrucksvolle Bild einer Ausgleichsküste. Abtragungsformen bietet das 20 Meter hohe Schönhagener Kliff, das im Jahr um ca.80 cm zurückverlegt wird…Das Material der Schleinehrung ist durch Strandversetzung hauptsächlich vom Schönhagener Kliff herangeschafft worden. Deutlich kann man erkennen, wie die Molen von Schleimünde die natürliche Entwicklung unterbrochen haben. Die weit ausgreifenden Molen des neuen Marinehafens werden die Sandwanderungen noch wesentlich stärker beeinflussen.“

Der Vogelwart des Naturschutzgebietes Oehe-Schleimünde vom Verein Jordsand zeigte mir Mitte Januar 2019 den neuen Durchbruch der Nehrung. Er entspricht genau den Vorhersagen von Uwe Muuß und Christian Degn.

Die neue Öffnung  30cm über NN .                                                                                                                                                    Foto Karl Walther
Die neue Öffnung 30cm über NN. (Foto Karl Walther)

„Wir hatten in letzter Zeit fürchterlich viel Nordwind“ sagte der Vogelwart. „Erst Flachwasser durch ablandigen Wind aus West und dann drehts auf Nord, Nordost und brachte bis zu 1,6o Hochwasser mit und auflandige Welle. Früher haben die Schönhagener Sände das Schleihaff gerecht mit neuem Sand versorgt. Aber durch die lange Olpenitzer Mole kommt neuer Sand erst weit nördlich Richtung Öhe an. Und so hat sichs Stück für Stück durchgefressen.“

Meiner Meinung nach wird sich diese zweite Schleimündung im Laufe der Zeit vertiefen. Wie in Kosel das Wasser der Breiten bei Kielfoot/Heidruns stärker auf Missunde zuströmen wird, wird bei Nord bis Ostwind das Wasser schneller in die Schlei gelangen und die Strömungen beeinflussen. Das bedeutet nicht mehr Hochwasser, aber das Wasser wird schneller da sein.

Es ist ein beeindruckendes Bild wie bei Lindaunis Anfang Januar das Wasser der Schlei „herausschießt“. Der Pegel sinkt rasch um 1 Meter 20. Auslaufender Strom. Das halbe Wasser der Schlei verläßt sein Becken. Dann dreht der Wind über Nord nach Nordost und jetzt schießt das Wasser zurück. Selbst abgeschwächt unterm Eisenbahndamm des Lindauer Noores ergibt das eine äußerst beeindruckende Strömung, die schöne Lindauer Au läuft fast bis Rehberg rückwärts.

Gegen den Strom unter der Eisenbahnbrücke wäre kein Gegenankommen. Das wird sich noch verstärken. Einmal durch die zweite Öffnung der Nehrung, dann durch die geplante Eisenbahnbrücke, die den Durchlaß hier um einige Meter weiter verengt. Dann durch die steigenden Pegel im Klimawandel.

Diese Baupläne in Lindauniß müßen dringend überdacht werden!

Blick nach Süden und auf die Lotseninsel. (Foto Karl Walther)
Blick nach Süden und auf die Lotseninsel. (Foto Karl Walther)

Es wird jetzt viel debattiert werden. Bürgermeister an der Schlei werden aus Sorge für ihre Dörfer und Städte einen Deich fordern. Werden anregen, sich über den Naturschutz und über Veränderungsverbote hinwegzusetzen. Vielleicht bekommen sie sogar Unterstützung aus der Naturschutzszene, die sich punktuell kleine Vorteile verspricht. Aber Deich und Deichstraße wären das Ende von fast 1000 ha Vogelschutz – und Naturschutzgebiet. Selbst Gedanken eines Sperrwerkes werden geäußert werden und werden bereits aus Richtung Oehe in die Debatte geworfen. All das wird kollidieren mit der nötigen Gelassenheit & dem Veränderungsverbot im FFH Gebiet Schlei und vorgelagerte Sände.

Die Wasserqualität der Schlei wird sich verbessern ohne daß die Einträge aus der Landwirtschaft einen Deut abnehmen. „Mutter“ Ostsee wird sie zunehmend schneller von diesen Lasten befreien. Der Wassertausch wird sich vergrößern, auch angesichts der steigenden Pegel. Noch ist die Öffnung allerdings bei NN ein Rinnsal.

Querschnittsverengungen wie in Lindauniß werden die Strömung bei steigenden Wassermassen gefährlich steigern. Der Eisenbahndamm hier verengte die Schlei in zwei Bauetappen. Zuerst war da die Drehbrücke. Alte Postkarten belegen den breiteren Durchlaß damals. Dann kam die Klappbrücke 1928. Es ist unzweifelhaft, daß die Inselgruppe Lindholm auch deshalb erodierte. Durch eine weitere Verengung verschwinden die Schilfflächen. Machen das Stubber Kliff wieder aktiv und die Ufer erodieren. Dieses Material wird sich wiederum dynamisch ablagern.

Die Schlei wird tendenziell öfter salziger sein und eventuell auch bleiben. Ein Schleiinformationszentrum sollte das untersuchen. Die Strömungen in der Schlei nehmen zu. Das kann bei mehr Wasser & Energie im System gar nicht anders sein.

Dazu kommt der Klimawandel mit mehr Wind und Starkregen. Die Strömungsenergien verstärken sich. Die Verengung des Lindaunißer Bahndammes ist also unverantwortlich und die Habeckadministration hat die Genehmigung dazu äußerst leichtfertig erteilt. Das muß neu überdacht werden, ebenso wie jedes Querbauwerk wie Steinmolen etwa vermieden werden müßen.

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Der Mensch greift tief und oft leichtfertig in die Natur ein. Die Natur antwortet darauf scheinbar langsam. Schiebt man aber die Zeitachse zusammen, antwortet sie sofort.

Die alten Fundamente des Lotsenhauses. ( Foto Karl Walther)
Die alten Fundamente des Lotsenhauses. ( Foto Karl Walther)
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