Menschenschutz vor Umweltschutz? Zur momentanen Hysterie um Deichbau und Schleisperrwerk

Vor einem Jahr wurde an dieser Stelle vom Durchbruch/Überspülung beim alten Lotsenhaus Schleimünde berichtet (s.u.). Nun hat sich eine Bürgerinitiative dazu gegründet.

Ich nehme als Vorsitzender des SIEZ® dazu Stellung:

Die Entwicklung der Schleimündung war stets dynamisch. Auch als das Klima noch „normal“ war. Die erste Abbildung vermittelt von dieser Dynamik einen guten Eindruck.

Die jetzige Schleimündung ist eine künstlich geschaffene. Sie bedarf der menschlichen Pflege. Die Konstruktion ihrer Molenköpfe sorgt für eine abtragende Wirkung ostseeseitig. Das war früher so gewollt, als Baggern schwierig war und Nehrungssände reichlich die neue Mündung versandeten. Die Schleinehrung ist ein Produkt der küstenparalellen Strömung und ihrer Fütterung aus der Ostseeküste südlicherseits.

Diese Fütterung kommt jetzt viel weiter nördlich an. Als Ursache ist das Strömungshinderniß Olpenitzer Hafenmole klar auszumachen. Die Molen als Querbauwerke lenken die küstenparallele Strömung nach außen und so kommt weniger Sand bei der Lotseninsel an. Durch auflandigen Wind aber gibt es einen Abtrag, der nicht mehr kompensiert wird. Jetzt stimmt bei dieser mangelhaften Fütterung der neuen Schleimündung die Bilanz nicht mehr (auch nicht die Gestaltung der Mündungsmolen) und die Lotseninsel und ihr Strand schrumpft. Der Klimawandel kommt hinzu. Das ist die Lage.

Entwicklung der Schleimündung

Das nächste Bild zeigt den „neuen“ Sand vor der Vogelwärterhütte. Er ist ganz frisch angespült worden bei den letzten südöstlichen Novemberstarkwinden. Es ist genau der Sand, der der Lotseninsel fehlt. Dort gab es sicherlich weitere Erosionen und Verluste.

Frisch aufgespülter Sand von November 2019

Es folgt ein Bild über die Sandmengen, die jetzt weiter nördlich in der letzten Zeit ankamen. Der frisch aufgestellte Zaun vor dem Schutzgebiet versinkt im Sand. All das fehlt weiter südlich und ist in erster Linie seit 40 Jahren ein Produkt der Militärmole, die jetzt das „Eigentum“ von „Little Manhatten“ in Olpenitz schützt.

Zaun, der links im Sand versinkt. Dieser Sand fehlt der Lotseninsel

Der Bau der Olpenitzmole in den 70iger Jahren war nicht unumstritten und bereits damals warnte das Landesvermessungsamt vor den Auswirkungen der weit ins Meer ragenden Molen. Die Auswirkungen sind jetzt da. Die Natur reagierte also sofort.

Wie geht die menschliche Gesellschaft mit den natürlichen, dynamischen Folgen und den Folgen ihres eigenen Tuns um? Eigentlich handelt es ja um ein Lehrstück aus Goethes Zauberlehrling.

Es gründet sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Lotseninsel. Starke Kräfte darin sind Landeigentümer, die Lighthousefoundation & der Deichgraf, die ihr Eigentum schützen wollen und Vorsitzender der BI ist ein Wasserbauingenieur. Starke Kräfte sind auch Segelsportvereine als treue Freunde der Giftbude.

Man malt den Teufel an die Wand und droht mit Untergangsszenarien durch das kleine Rinnsal. Immer wieder wird die Jahrtausendflut bemüht. Manche hätten jetzt die Lindaunißbrücke sogar eher enger und sehen in ihr einen Hochwasserschutz für Schleswig, die die Tsunamiwelle bremst. Es wird das Bild einer alles überrollenden Flutwelle gemalt. Der Wasseraustausch mit der Ostsee gerät zur Nebensache. Für das SIEZ und die Fischer ist es aber die einzige Überlebenshoffnung der Schlei. Die menschliche Gesellschaft rührt keinen Finger für die Wassergesundheit und den Lebensraum von Millionen Lebewesen im Ökotop Schlei, im Gegenteil. Das Wasser spiegelt blau und trägt Boote. Das reicht. Es ist zum Verzagen.

Das SIEZ wird beim nächsten Ostenwind die Strömungen in der Überspülung messen und sie mit den Wassermengen in der Schleimündung vergleichen. Ich tippe auf ein Tausendstel Prozent.  Dynamik in einer Ausgleichsküste müssen wir hinnehmen wie die Halligbewohner die Sturmfluten.

Allerdings sind es zunehmend in ihrer Macht menschenbeeinflusste Fluten, Extremwetter und Pegelerhöhungen, Goethes Wassermassen aus dem Zauberlehrling. Und es gibt kein „Besen, Besen, sei es gewesen“ und keinen Meister…

Was also tun? In der Bürgerinitiative kommen die Argumente. Ein Deichbau soll her bis zum Leuchturm. Jeder Deich hat einen Unterhaltungsweg. Die Vogelwärterhütte wird für Deichgraf und Foundation weichen müssen, das Naturschutzgebiet wird teilweise dem Deich weichen müssen, an einigen Stellen wird es nur noch Weg und Deich geben, etwas Strand und rückwärtig die Schlei. Die gesetzlich geschützte Dynamik weicht der Armierung. Was aber dann? Das Zauberlehrlingswasser strömt immer noch durch die Schleimündung. Die „Tsunamiwelle“ erreicht Maasholm und Kappeln anstatt um 8 Uhr 05 jetzt um 8 Uhr 17 und dank der neuen Lindaunisbrücke Schleswig um 9 Uhr 30 statt um 9 Uhr 15.

Also muss ein „Schleisperrwerk“ her. Das Eidersperrwerk hat 100 Millionen gekostet, ein Schleisperrwerk kostet wohl eine halbe Milliarde und mehr und stellt einen gigantischen Baukörper dar, passend zu „Little Manhatten“. Wie aber der „Tsunami“ mit der nun komplett „harten“ Küste im Oststurm umgeht, ist ungewiß und nicht berechenbar. Er kann ja kein Wasser mehr in der Schlei loswerden. Ein hoher Deich muß nun die Brodersbyer Niederung schützen, denn der „Walter Buer Damm“ hat nur noch eine schlappe Höhe von 2,50. Das SIEZ hat für Brodersby und Kosel eine Schadenspotentialanalyse erstellt und den Damm vermessen. Dann kommt das Wasser eben über Brodersby und erreicht Kappeln 8 Uhr 30.

Andere wie z B. der Wasserbauingenieur wollen teure Sandvorspülungen. Mit welchem Sand? Mit welchen Auswirkungen für das FFH Gebiet „Äussere Schlei und Schleisände“? Wie oft, wie teuer? Müssen alle Umweltschutzgesetze für den Schutz menschlichen Eigentums wirklich gebrochen werden? Sind schwer errungene Schutzbestimmungen der Natur nichts mehr wert?  Sollte nicht eigentlich der Umweltschutz und die Rechte der „Schöpfung“ ins Grundgesetz?

Der Bürgermeister von Kappeln sagte auf der Gründungsveranstaltung: der BI: “Wir sind ja auch ein wenig selber Schuld mit unserem Umweltverhalten und unseren SUVs“ „Menschenschutz geht vor Umweltschutz“ wurde gesagt und das ist sehr kurz gedacht. Meeno Schrader rechnet bis 2050 (da werden einige von uns noch leben) mit mindestens 50 Millionen Klimaflüchtlingen aus Afrika. Vorn hohe Deiche & Sperrwerke, hinten hohe Zäune und keine Türkei: so sieht die Zukunft im Klimawandel aus? Die Klimapakete der Regierung sind eher kleine Taschenpäckchen so groß wie Tempotaschentücher. Viele Länder befinden sich erst am Anfang ihrer industriellen Aufrüstung.

„Wie können wir das wagen“ schreit Greta Thunberg empört und zurecht. 2050 wird so nur der Anstieg der Co2 Emissionen gebremst sein. Mehr nicht. Nicht ihre dicke klimaverändernde Substanz.

Das SIEZ® berichtet kritisch und überparteilich. In einem Jahr ziehen wir mit zahlreichen Strömungsmessungen „lingelang de blanke Slie“ erneut Bilanz.

                                                       01.12.2019 Karl Walther (SIEZ®)