Zur Plastikkalamität – Die Gegenwart der Schlei ist aus Entscheidungen gemacht

Als Vorsitzender des SIEZ (Schleiinformations- und Erlebniszentrum e.V.) möchte ich auf Wunsch eines Neumitglieds zur Situation der Schlei Stellung beziehen. 1998 baute ich in Bohnert einen Hof auf, der eine Dreikammerkläranlage mit Verrieselung hatte. Im Jahr 2000 wurde diese stillgelegt und mein Dorf bekam eine Kläranlage (Nachklärung) wie alle Dörfer in Schwansen. Meine kleine Klärgrube wurde so gut wie nicht benutzt. Die Wasserqualität der Schlei besserte sich durch die verbesserte Klärung der Siedlungsabwässer. Die Sichttiefe nahm zu, Kammlaichkraut fand Licht und wuchs wieder. Due Nachklärung war von Land, Amt und Gemeinden eine gute Entscheidung. Teuer und gut.

Dann entstanden überall Biogasanlagen. Alte Fruchtfolgen wurden für den Maisanbau gebrochen. Land liegt von Okober bis Mitte Mai brach. Der Wind bläst Phosphor in die Schlei. Der Mais frisst und macht Unmengen Nährstoffe. Die Schleiregion kann den Mais kaum noch ertragen. Energieüberfluß drückt die Energiepreise und bedroht die Energiewende. Die Biogasanlagen waren schlechte Entscheidungen für die Schlei.

Die Gesellschaft setzt in der industriellen Nahrungsmittelproduktion vollkommen auf die Plastikverpackung. Plastikverschmutzung der öffentlichen Räume durch Unachtsamkeit ist die Regel. Gemeinsam suchen wir im Frühjahr die Dörfer nach Plastikmüll ab. Die Plastikkalamität von Reefood und Stadtwerken zeigt: wir gehen nicht verantwortungsbewusst genug mit den Plasten um. Das vollkommene Verlassen auf Erdöl (fossil und energieaufändig, teuer im Recycling) als Verpackung ist eine schlechte Entscheidung der Gesellschaft.

Die Gesellschaft hat es schwer, ihre Stoffkreisläufe in den Griff zu bekommen. Seit 120 Jahren gelangen zu viele Nährstoffe in die Schlei und bilden dort Faulschlamm, der extrem ungünstig wirkt, wie wir als SIEZ vielfach dokumentiert haben. Dahinter stecken zahlreiche kleine falsche Entscheidungen von Verbrauchern und Produzenten.

Die Welt ist aus Entscheidungen gemacht. Aus richtigen und falschen. Das SIEZ will neben der Geschichte der Schlei wie z.B. der Erinnerung an die blaue Dampferlinie, woran wir gerade arbeiten, auch über die Stoffkreisläufe forschen und informieren. Wir haben versucht, den Sand aus dem Faulschlamm zu bekommen durch Siebung und Mikroperlation. Damit steigt der Brennwert des Faulschlamms. Wir sind mitten in einem Versuch über die Kompostierung von Gülle durch Restenergieen und in einem Düngeversuch, um Gülle und Kompost in ihrer Bodenwirkung zu untersuchen. Mit den Ergebnissen dieser SIEZ Forschungen werden Entscheidungen aufgrund von Information leichter. Die Welt ist aus lauter kleinen Entscheidungen gemacht auch aus Verzicht.

Wir monitoren den Verlauf der Plastikkalamität. Wir bauen grad einen „Schleirohr“ mit dem wir gründlich und gleichzeitig vorsichtig den Schleigrund besichtigen und fotografieren können. Aus den gewonnenen Information über Plastik an den Ufern und im Wasser könnte die Entscheidung befördert werden, den Faulschlamm aus den Förden & Buchten zu entfernen. Anstatt sie auf Wunder wartend aufzugeben. In 12 Jahren muß die Gesellschaft in S.-H. 5 bis 7 Mill. Tonnen Klärschlamm jährlich verwerten und die darin enthaltenen Nährstoffe zurückgewinnen. 22 % der Phosphatdünger können daraus hergestellt werden. Das SIEZ nimmt an den Vorplanungen dazu, am landesweiten Phosphordialog gerne teil. 5-7 Millionen Tonnen Faulschlamm liegen auf dem Grund der Schlei. Auf einmal ist das Problem nicht mehr unlösbar, sondern eine bessere Auslastung der zu planenden Anlagen.

Die Welt ist aus Entscheidungen gemacht. Gammelby ist zu Recht deponiesatt. Jetzt entsteht ein Planfeststellungsverfahren über die Verlegung der Deponie an die B76. Dort entsteht dann gegen den Willen von Kosel, aber von Gammelby befördert, die drittgrößte Bauschuttdeponie des Landes. Sie wird den „ausgemessenen“ Brokdorfschotter aufnehmen. Wie zuverläßig die Schlei vor dem schwach radioaktiven Schotter gesichert wird, steht in den Sternen. Eine weitere Schleikalamität droht. Sie würde das Aus der Schlei als Erholungsregion für die nächsten Tausend Jahre bedeuten. Allein die Gefahr wird den Tourismus an der Schlei belasten. Ist das eine gute Entscheidung?

Wir planen, die Mikrobelastung des Schleiwassers durch Plastik mittels Spektralanalyse zu messen und zu monitoren. Wir ersuchen die „richtigen Ansprechpartner“ uns dort angemessen finanziell zu unterstützen. Werden wir nicht unterstützt, kriegen wir das trotzdem hin. Es wird vom SIEZ keine Schuldzuweisungen und Schulddebatten in der Plastikkalamität geben. Das können andere wie das LKA besser.

Auch hier gilt: die Welt ist aus Entscheidungen gemacht. Richtigen und falschen. Wer sich einen Fleecepullover kauft anstatt einen aus Wollfilz, trifft eine prekäre Entscheidung. Kein Klärwerk wird mit den Fasern aus Micro und Nanaplastik fertig. Wer mit dem Finger Richting Refood und Stadtwerke zeigt, da zeigen drei Finger zeigen zurück. Und der Daumen zeigt in den Himmel. „Herr, wenn es dich denn gibt, warum hast du uns mit so wenig Vernunft und so viel Geschäftssinn ausgestattet.“

Karl Walther, Vorsitzende des SIEZ

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