Trauer um Friedel Roß

Glücklich ist, wer eine zuverlässige Antwort auf seine Fragen bekommt. Oft hatte ich solch Glück.

„Friedel, de Heekt an de Sliekanten nümmt wedder to, is dat nich en goode Teiken?“

„Kumm mol lang, ikk heff hier dat Fangbook vun min Grootvadder, dor könnt wi in stöbern…“ und dann durfte ich ihn besuchen, obwohl er genau wusste, was ich so trieb: mich für die Gesundung der Schlei einsetzen.

Friedel war für mich das älteste lebende Geschichtsbuch der Schlei. Das wurde mir grad klar und seit letzter Woche rief ich ständig bei ihm an. Ich hatte bereits ein Interview mit ihm über die Fischerei gemacht. Ich wollte was wissen über die Ulsniser Fähre nach Schwansen und über den Fährmann Harmsen. Friedel hätte es gewusst. Eine alte Hestofter Bäuerin konnte sich gut an ihn erinnern und an den Fisch, den die Wadenfischer nach dem Krieg für die „Heuherberge“ spendierten. Dann erfuhr ich, daß niemand jemals mehr mit Friedrich Roß telefonieren wird.

Für mich ist eine große Persönlichkeit von uns gegangen und ich verneige mich vor diesem wunderbaren, freundlichen Kollegen. Es kommen Tränen in die Augen. Aber er hatte die 90 erreicht und ein glückliches Leben hinter sich.

Die Farben der See und der Himmel, die Wolken, die Wetter, die Jahreszeiten, der unvergleichliche Herbst mit dem Zug der Aale. Völker von Enten auf der Schlei, der Gesang des Sprossers am ganz frühen Morgen, wenn die Schleikanten Angelns und Schwansens einen gemeinsamen Klangkörper bilden. Die Kanten wissen schon lange, es ist eine gemeinsame Landschaft und Region und die Schlei ist das Herz. Die Reiher auf den Steinen im Morgengrau und auf den Flachs. Der auf dem Stillwasser tanzende Hering. Das Leuchten des Nachtlichts, wenn Frischwasser in die Schlei gekommen war, das sind unvergeßliche Eindrücke eines Fischers, der ebenso um den Niedergang der Fischerei weiß.

„Vielleicht ist der letzte Fischer auf der Schlei eine Frau,“ sagte er mir. Das Interview können sie im Anschluß lesen und später auch als Audiodatei hören. Er gab mir die Erlaubnis der Veröffentlichung.

Friedel hatte ein großes Wissen aufgrund seiner Erfahrung, aber auch eine bemerkenswerte Sammlung von Material über die Schlei. Bei seinem Neffen und der Beliebung wissen wir das in besten Händen. Wenn wir es schaffen, ein Schleizentrum aufzubauen, soll das seinen Ehrenplatz bekommen. In solch einem Zentrum steht der Lüttfischerei ein Ehrenplatz zu, so steht es im Leitbild unseres Vereins „Schleiinformations- und Erlebniszentrum SIEZ e.V. Das SIEZ trauert um Friedrich Roß. Mich schmerzt der Verlust sehr.

Karl Walther

Vorsitzender des SIEZ

Vielleicht ist der letzte Fischer von der Schlei eine Frau

Karl: Und de Zunft harr dat Fischerierecht op de Slie?

Friedel: Nee. De Stadt hett dat Recht und de Zunft hett dat Recht to fischen, siet över 200 Johren. De Zunft hett dat Fischerirecht vun de Stadt. Dorför mutt de Zunft de Bevölkerung vun Slesvig mit Fisch versorgen. So steiht dat in de Verträge. De olen Familien vun Holm hebbn dat Recht. Wenn du konfermeert büst, hest du een Vierteljohr Tied, wist du Fischer warrn oder nich. Wenn du dat verstreeken laten hest, is de Frog erledigt. Wenn du vun de Holm weg geihst, kannst du fief Johr wegblieben, dann kannst noch wedder torüch…Wi Rossens sünd vun 1700 an hier op de Holm.

Karl: De Holmers hem dat Recht, op de ganze Slie to fischen?

Friedel: Ne, nee. Wie hebt dat Recht, de Fischerie uttoöben mit sämtlichen Geräten vun Slesvig bit Arnis. Vun Schwonsbarg no Arniskirch, dat is de Grenz. De Maasholmers harrn mol dat Selker Noor, dat is denn tuscht wurrn, de Maasingers kreegen dat Fischerierecht boben und wi dat Selker Noor. De Lindaunissers hebbt begrenzte Gemeinderechten. De Kappler Fischers harrn dat Recht to fischen bit to de Grenz Galliberg/Pagerö. Dor steiht en Huus halbe Streck Bienebek na Sieseby hin, dat wär fröher de Platz för de Galgen, deshalb Galliberg und dann röver na Pagerö, na de groote und de kleene Klaus. Dat wär de Grenz för de Kappler Fischers. De Arnisser Fischers harrn dat Recht to fischen vun Arnis bit Ulsnis. Dor is de Grenz Hakenhöft/Wittör. Na de Krieg wärrn Barg Flüchtlinge hier. De Büsdörpers harrn Küchenrecht int Büsdörper Noor. Innerhalb vun de Gemeendegrenzen geev dat begrenzte Fischerierechte. De Holmers dörm överall fischen. Nu sünd dat jo Grootgemeenden, wie Ulsnis. Nu meenen de doren Kloogschieters, se können de begrenzten Rechten utdehnen: vun Dallacker bit na Goldtoft rop. Dat Fischerierecht gilt in de olen Gemeindegrenzen. Dat allens röhrt vun de Dänsche König vun 1400 soundso her.

Karl: Fiete, min erste Dag in de Fischerie wär de erste April 1980 un min erste Opgaav wär dat Deck vun de Kutter to salten, dat harr froren un wärr rutschig…

Friedel: 28.März 1942 wurr ik konfermeert. Twee Dag später, wie harrn Is op de Slie, dor wärrn wie dröben bi Haddeby ton Isfischen, ünnert Is fischen mit de grote Wad. De ganze Zunft wär to Gang. Dat wär min „Entre“ to de Fischerie. Dann wurr dat Is noher so rott, wie harrn de groten Schleern, wo soundsoveel Nett op wärr, de Schleern broken in. Fulln liek dörch. Bit na de Maidag wärr allens wech. Dann käm dat Nett wedder ut Water rut. Dor wurr nich lang fragt. Man müsst los. De Zunft fischer jo för alle, för olle Lüüd un för Witwen, de kreegen genau ehr Deel. Man sülm make de Arbeit un kreeg en Deel, de kreegen ok de ehrs Deel vun de Arbeit mit de Zunftwad winterdags. 10. Dezember fung de Fischerie mit de Winterwad an. Um 1950 herum wärrn wi noch 50 bit 60 Mann. Dann keem 1953 de Zuckerröbenfabrik, dor wulln veele Kollegen „riek“ warrn.

Karl:Vertell mal vun de Wadenfischerie, dat is jo een grote Nett mit een Steert und twee Flögeln und ward an Land trocken…

Friedel: Dor wäärn dree Winden op jede Siet. Nimm mol an, wie fischen op de Breete. Twischen Borgwedel und Weesby. Dor neem man de Hälfte op een Toch. Dat Nett wär een

por tusind Meter lang, dann harrst du 6oo Meter Linens, dann wurr de Wad utsett, vun Land ut, erst de Linens, de Flögeln, de andere Linn, dann wurr Anker smeeten, dann wurr dreiht, dat dat an Land keem, dann gung dat tosamen. Dat Nett harr 18 mm Maschen und hett dree, veer Meter hoch staut. Dor harr jo jeder sin Korken in de Wad. Dann wärrn dor evtl. 50 Korken, dann keem een hohle Knook, dor stun din Nam op. Dat wärr din. Matt Tög, Bockstelle, Lehmbarg, Kellertög, Wittöhr, Goosholm, Lindholm, so heten eenige Wadentög. Brassen und Zander aber wurrn blots in de Winter fungen. De wurrn schont. De wärrn för de Winter to fangen. Aal hebbt wi gut fungen, manchal 2oo Stück in een Toch. Nu is dor knapp wat. Vun de, wat dor insett wurrn, fangt man mol wat. Schön iss, dat se hier bleeben sünd in de Slie, de insette Aal. Bit op Harbeck sin…

Karl: Ministeraale?

Friedel: De Minister leet butenkant Aal utsetten un dann hebbt se Dösch fungen in de Netten, de harrn över 20 Setzaale in sick…(lacht) Harbeckaale eben.

Karl: Fangen ji Schnäpels?

Friedel: Schneppels sünd dor wedder…afunan fangt man een.

Karl: Ji harrn Segelkahns?

Friedel: Na de Krieg kämen de ersten Motoren, bit dor hemm wi de Wad utroit, später mit een Motorkahn langsiet. Toerst, wo du trecken wullst, dörfest du keen Larm maken, wir harrn to ruien Lappen üm de Dollens wickelt.. Noher wärr dor op jede Siet een Motorkahn bit nat Land hin und wi wunderten uns, dat wi nix mehr kreegen. Dat wärr anders fröher, dor verlat di to.

Ohl stocken hebbt wi nich, dat hebbt de Maasingers makt. Wi hebbt dat nich dörft. Gegenöber Halligalli/Bohnert is dor een söben Meter Lokk, dor hebbt se ok Aal stoken, wi hebbt dat nich dörft. Dat Water wärr ok nich sichtig. Dat wärr genauso grön fröher as nu. Wi harrn masse Kruut, dat blöher naher witt, in de veertiger Johren wär de Slie stellenwies witt vun dat Kruut. Dann hebbt wi 50 Johr lang keen Kruut hat, nu kummt dat wedder. Dann kann wedder wassen. In Fröjohr hebbt wi op Hering fischt, mit Stellnetten oder mit de Wad. Mit de Wad harrn wi manchmal bit to 8000 Pund. Man kunn de Klock na stellen. 20.ten April harrn wi meistens Südosten Wind, dor stunn de Wind op Füsing an, dor wull de Hering küllern, dor hem wi em fungen, immer wo de Wind anstunn, Stewig oder Füsing, Südost oder Nordosten Wind.

Karl: Hebbt ji Heekt fungen?

Friedel:Jo, ut Reet rut. Du müssest leege Water hebben, du settest din Speegelnet för dat Reet und jagerst de grooten Heekt rut. Aber vun Land na Land, wo dat wedder drög wär. De Heekt leep mitlang dat Net un wull an de Enden utwischen. De leep nich langut int Net, an de Sidens wull he rut. Mit fallen Water müsst man em fangen. Af ersten Oktober kun wi Heekt fangen, vördem nicht. De Netten hebbt wi sülm makt, knüttet, an de Böberlin kämen Bullbesens(Flotten aus Schilfrohr) vun Kerricks oder Kattenkühlers. So hebbt wi Heekt fungen. Groote Heekt, een harr en Brassen vun 19 Pund verschluckt. Hier lees mol in uns Fangbook vun min Urgroßvadder: Fangjohr 1895: 106, 109, 58 Pund Heekt. Wenn du los wärst , harst du 70 bit 80 Pund Heekt an een gode Dag.

Karl: Dat dore Book hört int Museum, Fiete…Wann höre dat op mit de Wadenfischerie?

Friedel: Dat wär in de 70ter Johren. Wi harrn all fröher seggt: nu is Schluß, man kreeg keen Geld mehr mit de Wad tosamen. Wi fungen an, mit Stellnetten to fischen un bleeben de Woch över in Siesby. Na de Sommer hin hebbt wi angelt, mit Stint vun de groote Breed. Dor hebben wi op 800 Haken mit Stint bit to140 Pund Aal hat. Schön de Fingern mit Stint inschmeeren, nich schmöken, man kreeg Routine un kun 800 Haken in de Stünn bestecken.

(Fietes Frau zeigt Fotos aus den 60iger Jahren von den Holmer Fischern mit 20 bis 30 Segelkähnen und dem Teilen des Fanges an die hinzukommenden Frauen)

Karl:Is dor nu noch Fisch in de Slie, Fiete?

Friedel: Dor is Fisch genug. Aber du warst de Fisch nicht los. Dor is keen Händler mehr. Ikk heff von 1970 an min Fisch no Flensburg bröcht.

Karl: Wi sünd ji Holmer Fischers organisiert?

Friedel: Wie hebbt en erste und en tweete Öllermann, sotoseggen en Vorstand. Aber wi sünd hüt jo mehr Öllerlüüd und Vorstand as Fischers. Min Broder is Öllermann. De meisten vun uns sünd int Rentenöller, ick bün 86. Dor sünd noch min Neffen, aber dann is dor nix mehr. So lang dor noch en Fischer op de Holm fischt, gelten de ollen Rechten. Wenn dor keen mehr is, dann verpachtet de Stadt Schleswig de Fischerie an irgendwen. Aber min Broder hett na mol heiratet und Zwillinge kreegen, Katarina is nu dörttein, se will Fischerin warrn. Vielleicht is de letzte Fischer vun de Schlie en Fru.

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