Priorisierungskonzept zur Durchgängigmachung

Das Priorisierungskonzept des Ministerium zur Durchgängigmachung der Schleswig-Holsteinischen Gewässer

Halt Stop!

Hinter diesem sperrigen Titel verbirgt sich ein hoch spannendes Thema. In meinem Dorf Bohnert steht es jedes Frühjahr deutlich sichtbar wieder an. Vor dem Absturz der Norbyer Au warten hunderte von Fischen dichtgedrängt, leicht kescherbar. Sie können die nächsten Kilometer nicht besiedeln, der Absturz von ca. 50 cm verhindert das. Das Gewässer ist also nicht „durchgängig“. Probekescherungen zeigten Barsche und Nasen, die beide brackwassertolerant sind.

Halt Stop!“ sagt die Bohnerter Rohrbrücke mit der Fortsetzung des Christian Kock Weges. „Rechts vor links, Mensch vor Tier“.

Thoms-Rohr
Thoms-Rohr an Norbyer Au. Das 50’er Rohr zur Wegquerung über die Norbyer Au nach von Bohnert nach Eschelsmark wäre nur zu diesen Hochwasserzeiten kein Hinderniß, ansonsten besteht hier ein Höbendifferenz von 50 cm

Aber die Rechtslage gibt hier dem Tier mit den Wasserrahmenrichtlinien Vorrang und das „Schöpfungsrecht“ sowieso. „Zahlreiche Wehranlagen, Abstürze und Wasserkraftanlagen stören den Transport der Sedimente und die biologische Durchgängigkeit in unseren Gewässern. Die EG Wasserrahmenrichtlinie fordert deshalb die Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Fließgewässer für „aquatische Organismen und Sedimente“ als eine wesentliche Vorausetzung für das Erreichen eines guten ökologischen Zustandes der Gewässer.“ (Zitat Bundesanstalt für Gewässerkunde, öko1logische Durchgängigkeit der Fließgewässer, Christoph Linnenweber izw.baw.de )

Auf der Flußgebietsbeiräteversammlung 2017 in Büdelsdorf stellte das Land S.-H. seine Variante der Umsetzung der Durchgängigkeitspflicht vor. Dr. Achim Paetzold weist das SIEZ daraufhin daß es ein Konzeptvorschlag „in work“ ist und erlaubt die Einbindung zweier Folien in diesen Artikel,Herr Dr. Paetzold, Herr Dr. Brunke, vielen Dank dafür. (Das Konzept ist auf der Landesseite abrufbar)

In Schleswig-Holstein sind im berichtspflichtigen Gewässernetz 70 % der Fließgewässer nicht durchgängig. Fische, Wirbellose & Sedimente können die zahlreichen menschlichen Bauwerke (nach Dr. Paetzold & Dr. Brunke ca.1 Bauwerk auf 1,4 km Fließstrecke) nicht ungestört passieren. Die Rechtsgrundlage ist klar, allein die Geldmittel sind knapp, um Sohlgleiten, Umgehungsgerinne und Fischaufstiegsanlagen zu bauen.

Fischtreppe Bienebek.
Fischtreppe Bienebek.

Das SIEZ pflegt auf eigenem Gelände auf der Königsburg den „Lottabach“ . Der ist 250 Meter lang und der Abfluß der Aufstauung „Tigerteich“ von ca. 1ha. Bis zum Damm und Mönch haben wir diesen Bach „entkrautet“ und freuen uns über ein reiches Fischleben und Vorkommen von Flußmuscheln und dem Bisam, der sie am Bachrand aufbeißt.

Das Priorisierungskonzept des Landes hat ein einheitlich koordiniertes Vorgehen angesichts knapper Mittel zum Ziel. Es verbindet dabei zwei Ebenen: die Bedeutung der Durchgängigkeit anhand der Fischfauna und die Kosteneffiziens auf Bauwerksebene. In der ersten Ebene werden unterschieden und bewertet:

  1. Überregional bedeutsame Vorranggewässer wie Elbe und Stör
  2. Verbindungsgewässer zu 1a
  3. Gewässer von sehr hoher Bedeutung
  4. Gewässer von hoher Bedeutung
  5. Mäßige Bedeutung wie z.B. die Norbyer Au
Darstellung der Gewässer mit zugehörigen Prioritätsstufen.
Darstellung der Gewässer mit zugehörigen Prioritätsstufen.
folie_16
Beispiel zur Berechnung der Kosteneffizienzen.

Die zweite Ebene berechnet einen Faktor aus den Kosten für den Lebensraumgewinn pro Kilometer Fließstrecke.

Auf diese Weise können mithilfe des Kostenfaktors und der Bedeutungsklassen die geplanten Maßnahmen rangiert werden. Eine hohe Effiziens (niedrige Kosten pro km Lebensraumgewinns) bei wichtigen Gewässern rangiert vor einer „höheren Effiziens“ bei unwichtigeren Gewässern.

Auf der Flußgebietsbeiräteversammlung wurde das allerdings kontrovers diskutiert. Wie werden einmalige Gelegenheiten zum Kauf notwendiger Flächen für Maßnahmen bewertet, auch wenn eine niedrige Rangierung vorliegt. Die Praxis klopft an. Wie wird es bewertet, wenn mit einer einzigen kostengünstigen Maßnahme eine ganze 3km lange Au niederen Ranges durchgängig gemacht werden kann, diese Au aber kein „Vorranggewässer“ ist. Die Naturschützer klopfen flächenweit an und sind vom Vorrang von „weitweg“ schwer zu überzeugen.

Das Priorisierungskonzept ist ein Verwaltungsversuch, knappe Geldmittel sinnvoll zu verwalten. Das kann man verstehen. Die Schleinatur sieht das allerdings ohne Verwaltungsbrille anders. Es wird wieder Frühjahr und der Christian Kock Weg und das SIEZ laden nach Bohnert zum stummen Konzert hunderter Barsche, Hasel, Nasen, Elritzen und Stichlingen vor dem Brückenrohrabsturz ein. Mich trifft man dort auch täglich zum Ponytransport und zuweilen auch den Vorsitzendes des Wasser und Bodenverbandes, dem eine Durchgängigkeit an dieser Stelle sehr am Herzen liegt. Vielleicht ein Gerinne mit Trittsteinen in einer Furt?

Ich danke Herrn Dr.Brunke und Herrn Dr. Paetzold und Manfred Hansen für die Gespräche bzw. die Zusammenarbeit

Karl Walther

Vorsitzender des SIEZ

Download PDF