Entdeckung der Lagunen-Herzmuschel in der Schlei

Verfasser: Svend Duggen, Dr. rer. nat., Dipl. Geol., Geowissenschaftler und Gymnasiallehrer an der A. P. Møller Skolen in Schleswig.

Einzigartiges Ökosystem

Die Schlei ist als Ökosystem einzigartig in Deutschland. Knapp 45 km tief reicht die eiszeitlich gebildete Schleirinne in das Innere von Schleswig-Holstein hinein. Erst vor rund 2.000 Jahren erfolgten die ersten Einbrüche von Salzwasser aus der Ostsee, bedingt durch den nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg und Landsenkung. Seitdem können Organismen aus dem Ostseeraum, je nach Toleranz für niedrigere Salzgehalte, sogar bis nach Schleswig vordringen.

Während der 1970-80er Jahre hatte der Zustand der Schlei einen sehr kritischen Tiefpunkt erreicht. Marine Organismen verschwanden aus dem inneren Teil der Schlei und wurden bis in den mittleren und äußeren Teil der Schlei zurückgedrängt. Die Bestände von Brackwasserarten wurden bis auf wenige Restbestände dezimiert, manche verschwanden ganz.

Obwohl sich die Schlei weiterhin in einem schlechten ökologischen Zustand befindet, gibt es in den letzten 10 Jahren Anzeichen der Verbesserung. Marine Organismen dringen wieder tiefer in die Schlei vor und auch die Bestände von einigen brackwassertoleranten Pflanzen und Tieren haben sich sichtbar erholt. Deutlich wird dies u.a. an der Muschelfauna mit einer Zunahme der Verbreitung von Sandklaffmuscheln und Herzmuscheln in der Großen Breite.

Herzmuscheln in Schlei

Bis in die 1960er Jahre war die Herzmuschel massenhaft bis Schleswig verbreitet, kam in den 1930er Jahren sogar bis ins Haddebyer Noor vor. Die größte Häufigkeit lag im mittleren Teil der Schlei zwischen Arnis und Ulsnis. Aber selbst in der Kleinen Breite kam sie mit einer Besiedlungsdichte von rund 400 Stück pro Quadratmeter vor. In den 1980er Jahren war die Herzmuschel aus der Kleinen Breite verschwunden und in der Großen Breite nur noch in geringer Zahl anzutreffen.

In der Literatur wurde für die innere Schlei lediglich die symmetrische Gemeine Herzmuschel Cerastoderma edule und eine schiefe Variante als Cerastoderma edule var. rusticum erwähnt. Aus anderen Brackgewässern war allerdings früher schon bekannt, dass zwei sehr ähnliche Arten der Herzmuschel gemeinsam vorkommen können; die Gemeine Herzmuschel Cerastoderma edule und die Lagunen-Herzmuschel Cerastoderma glaucum. Letztere wurde im Dezember 2015 bei starkem Niedrigwasser und Sturm lebendig in größerer Zahl in der Großen Breite auf der sandig-schlickigen Fläche vor Weseby gefunden, allerdings erst in diesem Jahr identifiziert.

Es ist schwierig, die Herzmuscheln anhand ihrer Farbe zu unterscheiden. Die Schalen beider Arten können weißlich bis gelblich sein, aber je nach den Bedingungen im Sediment eingefärbt werden. Eine bessere Unterscheidung bietet die Form der Schale. Beide Arten sind herzförmig und deutlich gerippt. Die Gemeine Herzmuschel zeigt häufig kleine weiße Querschüppchen auf den Rippen und der Mantelrand ist eher glatt. Die Lagunen-Herzmuschel dagegen hat eine schiefere und gewölbtere Schalen und zeigt einen seitwärts versetzten Wirbel. Die Rippen zeigen oft weiße Punkte zwischen dem hinterem und mittlerem Teil. Der Mantelrand ist deutlich ausgefranst.

Das Bild unten, aufgenommen in der Flachwasserzone vor Weseby in der Großen Breite im Dezember 2015 zeigt die Lagunen-Herzmuschel. Diese kommt auf sandig-schlickigen Böden in wenigen Zentimetern Tiefe im Flachwasser vergesellschaftet mit Kammlaichkraut und Sandklaffmuscheln vor. Herzmuscheln können sich, wenn freigespült, weiter bewegen und wieder eingraben. In der Schlei sind die Herzmuscheln auf Grund der niedrigeren Salzgehalte mit 15-30 mm kleiner als die Herzmuscheln der Ostsee oder Nordsee (bis 50 mm). Innerhalb der Schlei nimmt die Größe tendenziell schleieinwärts ab, bedingt durch fallende Salzgehalte und schwierigere Lebensbedingungen. Die Herzmuschel erträgt niedrige Sauerstoffgehalte und mit geschlossener Schale mehrere Tage lang sogar extremen Sauerstoffschwund.

Von Ende Mai bis Juli geben sie Eier und Spermien ins freie Wasser ab. Sie leben zunächst 2-4 Wochen als planktonische Larven im Wasser und gehen dann ins Bodenleben über. Dadurch können Muscheln, sofern Reliktbestände vorhanden sind, sich in einem Gewässer relativ rasch wieder ausbreiten, wenn verbesserte Bedingungen vorliegen.

Die Herzmuscheln können ca. 2-5 Jahre alt werden, je nach Umweltbedingungen; in der inneren Schlei daher wahrscheinlich eher nur 2-3 Jahre. Sie ernähren sich als Filtrierer von organischem Material im Wasser wie Plankton und Schwebstoffen. Dadurch tragen Muscheln zu klarerem Wasser in der Schlei bei. Herzmuscheln sind als Eier, Larven oder erwachsene Tiere selbst Nahrung für Fische und Wasservögel. Ihre erneute Ausbreitung in der Schlei trägt also zu einer besseren Nahrungsgrundlage für größere Tiere bei.

Die Entdeckung der Lagunen-Herzmuschel in der Schlei löst ein Dilemma in der Literatur. Die Gemeine Herzmuschel ist eine marine Muschel und benötigt einen Salzgehalt von mindestens 10 ‰, also Salzwasser, ist aber ansonsten tolerant für schwankende Salzgehalte. Sie kann daher historisch zwar bis in den östlichen Bereich der Großen Breite aber nicht bis in die Kleine Breite und Schleswiger Bucht vorgedrungen gewesen sein, wo die Salzgehalte meist im Bereich 2-6 ‰ liegen. Die Lagunen-Herzmuschel kommt dagegen sowohl im Salzwasser als auch im Brackwasser vor und erträgt dauerhaft niedrige Salzgehalte um 3-4 ‰. Die in der Literatur erwähnte massenhafte Ausbreitung der Herzmuschel in der inneren Schlei sogar bis Schleswig bis in die 1960er Jahre wurde daher sehr wahrscheinlich durch die Lagunen-Herzmuschel und nicht durch die Gemeine Herzmuschel verursacht. Dies wäre überprüfbar: Schalenreste abgestorbener Herzmuscheln in Sedimentproben aus der Kleinen Breite und Schleswiger Bucht müssten dann ausschließlich von der Lagunen-Herzmuschel stammen.

Gegenwärtig ist die Ausbreitung lebendiger Herzmuscheln in der inneren Schlei lediglich bis in den östlichen Bereich der Großen Breite belegt worden. Ein weiteres Vorrücken der Lagunen-Herzmuschel Richtung Schleswig wäre als ein Hinweis für verbesserte Lebensbedingungen in der Schlei zu werten.

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Bild: Lebendige Lagunen-Herzmuscheln am Fundort im Flachwasserbereich der Großen Breite vor Weseby im Dezember 2015. Foto: S. Duggen.

Literatur

Artikel und Bücher
Gonschlor H und Dürr A (2011) Bestimmungsübungen an Meerestieren. IFM-GEOMAR Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel.
Nellen W (1967) Ökologie und Fauna (Makroevertebraten) der brackigen und hypertrophen Ostseeförde Schlei. – Archiv für Hydrobiologie, 63: 273-309.
Petersen GH (1958) Distinction between Cardium edule L. and Cardium lamarcki Reeve. Nature 181, 356-357.
Ripl W (1986) Restaurierung der Schlei. Bericht über ein Forschungsvorhaben. – Landesamt für Wasserhaushalt und Küsten, Kiel: D 5. 86 S.
Samtleben M (1981) Die Muschelfauna der Schlei (Westliche Ostsee) – aktuapaläontologische Untersuchungen an einem sterbenden Gewässer. Meyniana 33, S. 61-83.

Internetseiten
de.wikipedia.org/wiki/Gemeine_Herzmuschel
da.wikipedia.org/wiki/Almindelig_hjertemusling
da.wikipedia.org/wiki/Lamarcks_hjertemusling

https://en.wikipedia.org/wiki/Cerastoderma_glaucum

http://www.unterwasser-welt-ostsee.de/html/brackwasser-herzmuschel.html

https://www.beachexplorer.org/