Abwasserpilz im Grenzgraben Hakenhöft

Beobachtungen über den Grenzgraben Hakenhöft zwischen der Gemeinde Kosel und Rieseby

Am 26. Oktober 2016 stellte ich das massenhafte Vorkommen von Abwasserpilzen im Grenzgraben Hakenhöft fest. Vollflächig ist dort im soeben geräumten Graben eine Weißfärbung der Gewässersohle und der Gewässerstrukturen zu beobachten. Vom Gewässer geht ein „übler und starker“ Geruch nach faulen Eiern aus.

Abwasserpilz 1
Abb.: Sphaerotilus natans, ein Fadenscheidenkolonien bildendes Bakterium, auch Abwasserpilz genannt

Es handelt sich in der Hauptsache um Sphaerotilus natans, ein Fadenscheidenkolonien bildendes Bakterium, auch Abwasserpilz genannt. Es vergesellschaftet sich mit Schwefelbakterien und anderen Bakterien. Es zeigt einen hohen Gehalt von biologisch abbaubaren Stoffen, insbesondere Nitrat, Aminosäuren und Eiweißbausteinen an. Das Bakterium ist im stark sauerstoffzehrenden Milieu zu finden, da die Verarbeitung der hohen Nährstofffracht den gelösten Sauerstoff im Wasser verbraucht, es zeigt die sehr schlechte Gewässergüte 4 an und wird oft im Herbst beobachtet, wenn andere, wärmeliebende Bakterien schlechter konkurrieren können.

Abb.:
Abb.: Eine weiße „Abwasserpilzwolke“ im Graben

Bei Temperaturen um 4 Grad kommt es zur Loslösung der Fadenscheiden von den Anhaftungen und so treibt eine weiße „Abwasserpilzwolke“ im Graben und durch die Grabenmündung in die Schlei. Der Graben hier macht einen „völlig toten“ Endruck. Es sind außer den Bakterien keine anderen Lebewesen im Graben mehr zu beobachten.
Abwasserpilze können bei niedrigen ph Werten, wie sie z.B. in Mooren vorkommen, nicht existieren. Sie sind also nicht als Folge einer „Vermoorung, Versauerung“ der ehemaligen Wiesenflächen in der Hakenhöftniederung anzusehen. Der Abfluß des Grenzgrabens war einige Zeit mangelhaft, dies wurde jetzt durch die Grabenräumung abgestellt.
Ursächlich für das massenhafte Auftreten des Abwasserpilzes kann nur das Vorkommen sehr großer Nährstoffmengen in den zum Stehen gekommenen Gewässern und der vernäßten Niederung sein. Nach Prof. Dr. Scheuring braucht der Abwasserpilz zumindest leicht fliessende Gewässer, die ihm stets neue Nährstoffe zu seinen Fadenscheiden zuführen und Abfallprodukte abführen. Man sieht ihn bevorzugt auch in kleinen Fließstrukturen zum Graben hin. Mit ursächlich scheint also das in Fluß gekommene Wasser in der Niederung zu sein.

Ursächlich ist nicht die Zersetzung von Altschilf, da sich der Abwasserpilz nicht von der Zersetzung von Ligninen ernähren kann.

Ich ging den Graben bis zu seinem Austritt aus den Hügeln von Bohnertfeld ab. Je näher ich der „Quellregion“ kam, (auch je höher), desto „normaler“ wurde das Grabenbild und der Geruch. Mit ansteigendem Gelände begannen die Abwasserpilzrasen spärlicher zu werden. Ca. 5o Meter vor der Hügelkette bei größeren Fließgeschwindigkeiten im Graben rissen sie ganz ab.
Anfang November spülte einsetzendes Hochwasser in der Schlei den Graben. Außerdem wurde es winterlich kalt.Tagelang gab es an der Mündung eine weiße Abwasserpilzfahne in die Schlei. „Dreimal kommt Hochwasser und dann der Winter,“ sagen die Alten an der Schlei. Drei Hochwasser klärten bis Anfang Dezember den Gewässergrund der Grenzau. Immer noch gibt es jedoch Anhaftungen von Abwasserpilz, wie das letzte Foto zeigt.

Wie ist diese Beobachtung zu werten?

Ich schlage folgende Interpretation des Vorganges vor:
in den Niederungen unterhalb der Ackerflächen sammeln sich erhebliche Mengen von Nährstoffen. Diese fließen normalerweise als „diffuser Eintrag“ in die Schlei. Wenn der kontinuierliche Abfluß nicht gewährleistet ist, saugt sich das Niederungsgebiet mit Nährstoffen voll wie ein Schwamm. Kommt das System wieder ins Fließen und folglich genügend Sauerstoff ins System, sind bei niedrigen Temperaturen die Bedingungen für die Bakterien „Abwasserpilz“ ideal. Sie vermehren sich, zehren in der Verarbeitung der Nährstoffe allen Sauerstoff auf, die Schwefelbakterien erzeugen zusätzlich ein lebensfeindliches Milieu und das System „kippt“ um. Die weiße Bakterienwolke zieht den Graben entlang und steckt unterhalb liegendes Wasser an, bis die „Lieblingsnährstoffe“ knapp werden. Es entsteht für das „unten“ anstehende Wasser ein hoher biologischer Sauerstoffbedarf bei der Zersetzung der Bakterienmassen.

Die im Bodenwasser befindlichen Nährstoffmengen in der nicht mehr genutzten Niederung sind folglich hoch. Was man nicht vermutet hätte, da hier seit Jahrzehnten nicht mehr gedüngt wird. Die Nährstoffe wandern also aus den höher liegenden Ackerflächen und aus den Niederschlägen ein, Proben könnten das eindeutig abklären. Die vernachlässigte Reinigung des Grenzgrabens und seines Abflußrohres in die Schlei führte zum Rückstau bis zu den Ackerflächen und wurde deshalb veranlasst. Ein punktueller Eintrag scheidet in Hakenhöft aus, bzw. konnte nicht gefunden werden, es scheint sich um ein flächenhaft gleichmäßiges Geschehen zu handeln, das auch zahlreiche Kleinststrukturen umfasste. Auch naße Schilfreste in der Niederung wurden weiß.

Wie sich die Situation im Bereich des „Grenzgrabens“ entwickelt, bleibt abzuwarten und bedarf der Beobachtung. Bis zum 2.ten Dezember 2016 ist folgendes geschehen: Winterniederschläge und Hochwasser verdünnen die Nährstoffe und schwemmen sie in die Schlei aus. Die Nährstoffsenke entleert sich. Die Ausdehnung der Pilzrasen geht jetzt stark zurück, hat aber immerhin 6 Wochen Bestand gehabt. Sollte sich mit steigenden Temperaturen das Phänomen entgegen der Erwartung im Frühjahr fortsetzen, wäre das bedenklich. Gleichzeitig muß gesagt werden, daß es sich um ein eng begrenztes Gebiet von zusammen vielleicht nur 30 Hektar Einzugsfläche handelt. Der Graben ist etwa einen Kilometer lang. Früher fand man diese Abwasserpilzrasen hinter den Einleitungen der Klärwerke, heute nicht mehr, da die Klärleistungen inzwischen zu gut sind und zu wenig Nährstoffe für den Abwasserpilz entlassen.

Feuchtgebiete halten Nährstoffe zurück. Weit über ihre eigene Größe hinaus filtern sie Einträge und werden als die Nieren der Landschaft bezeichnet. Sie erlangen gerade eine hohe Relevanz als Planungsmaßnahme und sollen als Instrument stärker in die Bewirtschaftungspläne der Flußeinzugsgebiete einbezogen werden. Man schätzt ihren Mehrfachnutzen für Klima, Biodiversität

Abb.: Reste von Abwasserpilz am 2.ten Dez. 2016

Abb.: Reste von Abwasserpilz am 2.ten Dez. 2016
Abb.: Reste von Abwasserpilz am 2.ten Dez. 2016

und Nährstoffrückhalt zu Recht. Überträgt man dieses Bild auf Hakenhöft, scheint es so zu sein, daß diese Nierenfunktion von Feuchtgebieten für die Landschaft aber auch begrenzt ist. Kommt das Bodenwasser zum Fließen, wird das Feuchtgebiet zur weißen, schweflig riechenden Klärfläche. Das scheint hier der Fall gewesen zu sein. Ein Landschaftselement am Limit.

Ich gebe allen Vernässungsplänen tief liegender Grünlandgebiete der Auen dieses Hakenhöftphänomen als Bedenken und Beobachtung mit auf den Weg. Die Bewirtschaftungskonzepte beinhalten für diese Flächen oft die maximal mögliche Vernässung der Niederungsflächen bei extensiver Beweidung und ein Düngeverbot. Das führt auf den Niedermoorböden manchmal zu Trittschäden und zur Einwanderung von Schilf und Binse und dann zur Aufgabe der Nutzung und zu weiterer Vernässung. Die Einwanderung großer Nährstoffmengen aus den Ackerflächen erfolgt durch das Gefälle aber weiterhin, obwohl in den Niederungen tlw. schon Jahrzehnte nicht mehr gedüngt wurde.

Wo liegt die Leistungsgrenze der Feuchtgebiete als Landschaftsniere?
Wie nah dran sind wir an dieser Grenze?
Was geschieht nach Starkregenereignissen, wenn sich die mit Nährstoffen vollgesogenen Feuchtgebiete samt der entstehenden Bakterienfracht doch in die Schlei entleeren?
Darf man Landschaftselementen solche Aufgaben in Zeiten der Eutrophierung zumuten?

Das SIEZ beschäftigt diese Fragen sehr. Die Schleiregion braucht ein Informationszentrum, das über die Nährstoffkreisläufe der Schlei in den vielfältigen Lebensräumen berichtet und sie untersucht. Albert Schweizer sagte: Wagen wir, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.

Karl Walther, Vorsitzender SIEZ